Dede Korkut's Buch

Das Nationalepos der Oghusen

(10./11. Jh., nach älteren Vorlagen)

Übersetzung: H. Achmed Schmiede

VIII.

Hier wird erzählt, wie Basat den Depegöz tötete, mein Chan, heyy!

Eines Tages, mein Chan, kam der Feind so unerwartet über die Oghusen, dass sie angsterfüllt im Dunkel der Nacht abwander- ten Auf der Flucht ging Aruz Kodschas kleiner Sohn verloren. Ein Löwe fand ihn, nahm ihn mit und nährte ihn. Dann kam der Tag, an dem die Oghusen in ihre Heimat zurückkehrten. Der Pferdehirt des Oghusenbeghs kam herbei und brachte die Nach- richt: Mein Chan, au  em öhricht bricht häufig ein Löwe hervor, um Pferde zu schlagen. Sein Lauf gleicht dem eines Menschen, wenn er auf allen Vieren kriecht. Er schlägt Pferde und saugt ihnen das Blut aus. Aruz sprach: Mein Chan, mag das wohl mein Söhnchen sein, das bei unserer Flucht abhanden gekommen ist? Die Beghe stiegen zu Pferd und zogen gegen das Löwenlager. Sie schlugen den Löwen in die Flucht und ergriffen den Jun- gen. Aruz nahm ihn zu sich und brachte ihn nach Hause. Bei Speis und Trank feierte man das frohe Ereignis. Den Jungen aber hielt es daheim nicht; er kehrte zurück ins Lager des Löwen, aus dem man ihn immer wieder herausholen musste.

Mein Erzvater Korkut erschien und sprach: Mein Junge, du bist ein Mensch. Gib das Zusammenleben mit den Tieren auf! Komm, besteig ein gutes Pferd und reite zusammen mit wackeren Jungrecken. Dein Name sei Basat. Den Namen gab ich dir, möge Allah dir Leben geben!

Eines Tages zogen die Oghusen ins Sommerlager. Aruz hatte einen Hirten, den sie Konur Kodscha, den blonden Schäfer nannten.

Der war stets der Erste, der vor allen anderen auf die Alm zog. Dort gab es eine unter dem Namen Uzunbinar bekannte Quelle. An der hatten sich Feen niedergelassen. Als plötzlich die Schafe scheuten, lief der Schäfer - ärgerlich über den Leithammel - an die Spitze der Hcrde. Da sah er, wie Feenmädchen dicht an dicht unter Flügelschlagen aufstiegen. Rasch warf er seinen Filzumhang aus und hatte auch tatsächlich eine Fee darunter gefangen. Da packte ihn die Begierde und er paarte sich hastig mit ihr. Die Schafe begannen zu scheuen und der Hirt setzte sich wieder an ihre Spitze. Das Feenmädchen schlug mit den Flügeln und erhob sich mit den Worten in die Luft: Schäfer, komm übers Jahr wieder her und hol dir ab, was du mir anvertraut hast! Über die Oghusen aber hast du Unheil gebracht! Der Schäfer wurde von Furcht gepackt. Die Sehnsucht nach dem Mädchen aber ließ ihn gelb anlaufen. Wieder zogen die Oghusen auf die Alm und der Schäfer kam an die Quelle. Wieder scheuten die Schafe. Der Schäfer lief an die Spitze der Herde. Da erblickte er eine Anhäufung, von der ein Glänzen und Glitzern ausging. Jetzt erschien auch die Fee. Sie sprach: Schäfer, komm herbei und nimm an dich, was dir gehört! Aber Unheil hast du gebracht über die Oghusen! Beim

Anblick dieser Anhäufung wurde es dem Hirten eigen zumute. Er trat zurück und schleuderte Steine darauf. Mit jedem Treffer wurde das Ding größer. Der Schäfer ließ die Anhäufung, wo sie war und lief davon, den Schafen hinterher. Nun traf es sich, dass Bayindir Chan zusammen mit den Beghen auf einem Ausritt an diese Quelle kam. Da sahen sie, wie da ein merkwürdiges Ding lag, an dem vorn und hinten nicht zu unterscheiden war. Sie umringten es. Ein Jungmann stieg ab und trat dagegen. Mit jedem Tritt wurde es größer. Jetzt stiegen noch ein paar Jungmannen von den Pferden und stießen es mit den Füßen an. Je mehr sie aber dagegentraten, desto größer wurde es. Auch Aruz Kodscha war abgestiegen und hatte dem Ding Fußtritte versetzt. Dabei berührte er es mit dem Sporn. Jetzt spaltete sich die Anhäufung und heraus kam ein Knabe. Er hatte den Körper eines Menschen; auf der Kuppe des Schädels, der Depe, aber saß ihm ein einziges Auge. Aruz nahm den Knaben zu sich, barg ihn in seinem Rockschoß und sagte: Mein Chan, gebt ihn mir, ich will ihn gemeinsam mit meinem Sohn Basat aufziehen! Bayindir Chan sprach: Er sei dein!

So nahm Aruz Depegöz oder Kuppenauge mit sich in seine Behausung.

Auf sein Gebot erschien eine Amme. Sie reichte Depegöz die Brust. Beim ersten Zug nahm er ihr alle Milch. Beim zweiten Zug ihr Blut. Beim dritten ihr Leben. So ließ man mehrere Ammen kommen, die er alle zu Tode brachte. Da bemerkte man freilich, dass es so nicht gehen konnte und ernährte ihn von nun an mit Tiermilch. Ein ganzer Kessel hiervon pro Tag aber war ihm noch zu wenig. So ernährten sie ihn, er wuchs heran und begann zu laufen, mit den anderen Knaben zu spielen. Jetzt hub er an, die kleinen Jungen anzuknabbern; dem einen fraß er die Nase ab, dem anderen ein Ohr. Kurz und gut – die Leute hatten mit ihm ihre Not. Schließlich wussten sie nicht mehr weiter, beschwerten sich bei Aruz, weinten und jammerten, Aruz nahm sich Depegöz vor,

prügelte und beschimpfte ihn und verbot ihm diese Dinge. Der aber scherte sich nicht darum. Schließlich jagte Aruz ihn aus dem Haus. Die Fee, die Mutter Kuppenauges, kam und steckte ihrem Sohn einen Ring an den Finger, wobei sie sagte: Sohn, kein Pfeil mag in dich dringen, kein Schwert deine Haut ritzen! Depegöz verließ nun die Oghusen und stieg auf einen hohen  Er lauerte den Leuten an den Wegen auf, entführte Menschen und wurde ein großer Räuber. Mehrfach entsandte man gegen ihn Männer. Sie beschossen ihn mit Pfeilen - diese drangen nicht durch seine Haut. Sie schlugen mit den Schwertern nach ihm – diese verletzten ihn nicht. Bald gab es keine Hirten mehr, weil er sie

alle aufgefressen hatte. Nun begann er auch Männer der Oghusen zu verzehren. Die Oghusen taten sich zusammen und drangen auf ihn ein.

Bei ihrem Anblick wurde Depegöz sehr zornig. Er riss einen Baum aus dem Erdreich, warf damit nach ihnen und brachte fünfzig bis sechzig Mann zu Tode. Kazan, dem Oberhaupt der Albaner, versetzte er einen Hieb, der ihm die Welt eng werden ließ. Kazans Bmder Karagüne wurde von Depegöz besiegt. Dözens

Sohn Alp Rüstem starb den Märtyrertod.

Ein Recke wie der Sohn Uschun Kodschas, wurde unter den

Händen von Depegöz zum Märtyrer. Zwei der Brüder Aruk

Dschans gingen unter den Händen Depegöz zugrunde.

Mamak, der Eisengewandete, hauchte unter seinen Händen das

Leben aus.

Bekdüz Emen, der mit dem blutigen Schnauzbart, unterlag ihm.

Den weißbärtigen Aruz Kodscha ließ er Blut spucken.

Seinem Sohn Kiyan Seldschuk zerquetschte er die Gallenblase.

Die Oghusen wurden mit Depegöz nicht fertig, sie bekamen es mit der Angst und liefen davon. Depegöz umlief sie und stellte sich ihnen in den Weg. Er ließ die Oghusen nicht fort, sondern zwang sie an ihren Platz zurück. Kurz - siebenmal versuchten sie zu flüchten, Depegöz aber stellte sich ihnen siebenmal in den Weg und trieb sie wieder zurück. So hatte Depegöz die Oghusen völlig in seine Gewalt gebracht. Sie gingen hin und riefen nach Erzvater Korkut. Sprachen: Kommt, lasst uns ihm Tribut zahlen! Sie entsandten meinen Erzvater Korkut zu Depegöz. Dieser  erschien bei ihm und grüßte. Dann sprach er: Sohn, Depegöz, die Oghusen  sind in deiner Hand und völlig erledigt.  Sie schicken mich in den Staub zu deinen Füßen. Sie sagen, sie wollen dir Tribut zahlen! Depegöz sagte: So gebt mir täglich sechzig Männer zum Verzehr! Erzvater Korkut sprach: Auf diese Weise lässt du keinen mehr

übrig, zehrst sie alle auf. Wir wollen dir jeden Tag zwei Männer und fünfhundert Schafe geben. Als Erzvater Korkut so sprach, versetzte Depegöz: Gut, so sei es! Und gebt mir auch zwei Männer, die mir meine Mahlzeit kochen! Erzvater Korkut ging zu den Oghusen zurück. Er sprach: Gebt dem Depegöz den Bunlu Kodscha und den Japaghlu Kodscha. Sie sollen ihm sein Essen kochen! Außerdem verlangt er täglich zwei Männer und fünfhundert Schafe. Sie erklärten sich einverstanden. Wer vier Söhne hatte, musste einen hergeben, sodass drei verblieben. Wer drei hatte, musste

einen abgeben und behielt zwei. Wer zwei hatte, musste einen  hergeben und durfte nur einen behalten. Nun lebte dort ein Mann mit Namen Kapakkan, der zwei Söhne

hatte.Einen Sohn hatte er bereits abgegeben und einen behalten. Jetzt war abermals die Reihe an ibn gekommen. Die Mutter schrie und weinte in ihrer Verzweiflung. Zu diesem Zeitpunkt kehrte Basat, der Sohn des Aruz, von einem Kriegszug zurück. Das Weiblein rief darum: Basat ist gerade von einem Raubzug in Feindesland zurück. Ich will zu ihm gehen; sei es, dass er mir vielleicht einen Gefangenen gibt, mit dem ich mein Söhnchen errette! Basat hatte sein goldbesticktes Zelt aufgeschlagen und saß darinnen, als er eine Frau kommen sah. Sie trat hinein zu Basat; herein trat sie, grüßte, weinte und sprach:

„Du mit dem gefiederten Pfeil, so dick, dass er dir kaum in die Handschüssel passt.

Du mit dem strammen Bogen aus dem Gehörn eines riesigen Widders.

Du, den man in Itsch-Oghusenland, in Tasch-Oghusenland kennt.

Du Sohn des Aruz, mein Chan Basat, steh mir bei!"

Basat sprach: Was wünschst du?

Das Weiblein sagte: In dieser schlechten Welt ist ein Mann auf-getreten. Er ließ die Oghusen nicht auf ihre Sommerweiden. Schwarze Stahlschwerter vermochten ihn nicht zu verletzen. Rohrlanzenschwinger konnten ihn nicht durchbohren. Buchen-pfeilschützen richteten nichts gegen ihn aus. Den Albaner-Häuptling Kazan schlug er mit einem Hieb nieder. Sein Bruder Karagüne unterlag ihm. Bükdüz Emen, der mit dem blutigen Schnauzbart, unterlag ihm. Deinen weißbärtigen Vater Aruz Iieß er Blut spucken. Auf dem Kampfplatz riss deinem Bruder Kiyan Seldschuk die Gallenblase und er ließ sein Leben. Und selbst die mächtigen Oghusenbeghe - den einen überwäl-tigte er, den anderen ließ er den Märtyrertod sterben. Siebenmal haben die Oghusen versucht, ihm zu entkommen. Schlachten will ich, sagte er - und schlachtete. Jeden Tag verlangt er zwei Männer und fünfhundert Schafe. Man gab ihm den Bunlu Kod-scha und den Japaghlu Kodscha zu Dienern. Wer drei Söhne hatte, musste einen abgeben. Wer zwei hatte, musste einen geben. Ich hatte zwei Söhnchen. Einen gab ich her; es verblieb mir einer. Nun ist die Reihe wieder an mir. Auch ihn wollen sie mir wegnehmen. Mein Chan, steh mir bei! Basats dunkle Augen füllten sich mit Tränen. Er stimmte um seinen Bruder einen Gesang an. Lass uns sehen, mein Chan, was er sang:

Auf felsigem Boden waren deine Zelte errichtet;

Jener Tyrann wird sie zerstört haben, Bruder!

Aus deinen Pferchen voll flinker Renner

Wird jener Tyrann dir welche entführt haben, Bruder!

Aus der Reihe deiner einhöckerigen Kamele

Wird jener Tyrann welche weggeholt haben, Bruder!

Die Schafe, die zum Festmahl du zu schlachten pflegtest,

Jener Tyrann wird sie dir erschlagen haben, Bruder!

Das Bräutchen, das frohgemut du dir geholt,

Jener Tyrann wird es dir geraubt haben, Bruder!

Dass mein weißbärtiger Vater nach dem Sohn geweint,

Wirst du zugelassen haben, Bruder!

Dass meine weißgesichtige Mutter gejammert,

Wirst du zugelassen haben, Bruder!

Du meinen Berg dort überragender Bruder!

Du mein Wildwasser übertreffender Bruder!

Du Kraft meiner starken Hüfte,

Du Licht meiner dunklen Augen, Bruder!"

Lange weinte und jammerte er wegen der Trennung vom Bruder.

Jener Frau aber überließ er einen Gefangenen und sagte: Geh hin und löse deinen Sohn ein! Die Frau ging hin und gab ihn anstelle ihres Sohnes. Auch brachte sie Aruz die frohe Nachricht von der Ankunft seines Sohnes. Aruz freute sich. Zusammen mit den starken Oghusen beghenritt er Basat entgegen. Basat küsste seinem Vater die Hand. Sie  weinten und schluchzten sich aneinander aus. Dann kam er im Hause seiner Mutter an. Seine Mutter trat ihm entgegen. Umarmte ihr Söhnlein. Basat küsste seiner Mutter die Hand. Sie begrüßten sich schluchzend. Die Oghusenbeghe versammelten sich, es wurde gegessen und getrunken. Basat sprach: Ihr Beghe, um des Bruders willen werde ich Depegöz aufsuchen. Was gebietet ihr? Hier stimmte Kazan Begh einen Gesang an. Lass uns sehen, mein Chan, was er sang! Er sprach:

„Zu einem gewaltigen Riesen ist geworden Depegöz;

In Himmelshöhe stellte ich ihn, und konnte ihn nicht bezwin-

gen, Basat!

Zum schwarzen Panther ist geworden Depegöz;

Im Hochgebirge stellte ich ihn, und konnte ihn nicht bezwin-

gen, Basat!

Zum reißenden Löwen ist geworden Depegöz;

Im dichten Röhricht stellte ich ihn, und konnte ihn  nicht

bezwingen, Basat!

Bist du ein Held, so gut;

Doch besser als Kazan wirst du's nicht können, Basat! Lass

nicht zu, dass dein weißbärtiger Vater um dich weinen muss!

Lass nicht zu, dass deine weißhaarige Mutter um dich schluch-

zen muss!"

Basat sprach: Und dennoch werde ich gehen! Kazan sprach: Du musst es wissen.

Der Vater weinte und sprach: Sohn, lass meinen Herd nicht ver-öden. Sei gnädig, geh nicht!

 Basat sprach: Und doch, mein lieber, weißbärtiger Vater, gehe ich! Er hörte nicht weiter zu, zog aus seinem Ärmel einen Packen Pfeile und steckte sie sich an die Hüfte. Umgürtete sich mit seinem Schwert. Hängte sich seinen Bogen über die Schulter. Schürzte sein Gewand. Dann küsste er seinen Eltern die Hände, ließ sich freisprechen und sagte ihnen ein „Macht's gut!" Hierauf begab  er sich  zu  dem  Felsen  Salachana,  an  dem Depegöz sich aufhielt. Dort sah er Depegöz mit dem Rücken zur Sonne gewendet sitzen. Er zog einen Pfei! von der Hüfte und

schoss ihn Depegöz gegen den Rücken. Der Pfeil drang nicht ein, sondern zerbraeh. Er schoss noch einmal. Auch dieser Pfeil zersprang in Stücke. Depegöz sagte zu den Alten: Die Mücken hier sind uns lästig! - Noch einmal schoss Basat. Auch dieserzerbrach, indem ein Splitter davon vor Depegöz hinfiel. Depegöz sprang auf, erblickte Basat, klatschte in die Hände und lachte auf. Dann sagte er zu den Alten: Wieder ist ein frühreifes Lämmchen von den Oghusen eingetroffen!

Er griff sich Basat, stellte ihn vor sich hin und schüttelte ihn am Halse hin und her. Dann trug er ihn zu seinem Lager und steckte ihn in den Schaft seines Stiefels. Dabei sprach er: Heda, ihr Alten! Den werdet ihr mir zum frühen Nachmittag am Drehspieß braten; ich will ihn fressen. Damit schlief er wieder ein. Basat hatte einen Dolch bei sich, mit dem er den Stiefel aufschlitzte und heraussprang. Er sagte: Heda, ihr Alten, wo ist der Kerl sterblich? Sie erwiderten: Das wissen wir nicht. Aber außer seinem Auge hat er nirgendwo Fleisch. Basat trat zu Depegöz und hob ihm das Augenlid an. Da sah er,dass das Auge fleischig war. Jetzt sprach er: Heda, ihr Alten! Haltet den Spieß ins Feuer, bis er rot wird! Sie ließen den Spieß im Feuer, bis er rot war. Basat nahm ihn zur Hand. Er sprach einen Segen auf Muhammed, den Vielgepriesenen. Dann stach er den Spieß mit solcher Gewalt in das Auge, dass es zerstört wurde. Depegöz stieß ein Gebrüll aus, von dem die Berge und Felsen widerhallten. Basat sprang davon und geriet in die Höhle zwischen die Schafe. Depegöz spürte, dass Basat in der Höhle war. Er versperrte den Eingang, indem er einen Fuß auf die eine und den anderen Fuß auf die andere Seite stemmte. Dann sagte er: Heda, ihr Leithammel! Geht an mir vorbei hinaus, einer nach dem anderen! Ein Widder erhob sich, streckte sich und gähnte. Flink drückte Basat ihn zu Boden und schnitt ihm die Kehle durch. Dann zog er ihm das Fell ab, ohne dabei den Kopf und den Fettschwanz abzutrennen. Das zog er sich über. So gelangte Basat vor Depegöz. Dieser merkte, dass Basat in dem Fell steckte. Er sagte:  du tauber Hammel!

Woher weißt du denn, dass ich umkommen werde? Ich will dich doch einmal gegen die Höhlenwand schmettern, dass dein Schwanz die ganze Höhle einfettet!

Basat gab dem Depegöz den Hammelschädel in die Hand. Depegöz packte ihn kräftig beim Gehörn. Als er ihn anheben wollte, hielt er Gehörn und Balg in der Hand. Basat aber flitzte zwischen Depegöz' Beinen hindurch ins Freie. Depegöz warf das Gehörn zu Boden und rief: Junge, bist du frei? Basat sagte: Mein Gott hat mich befreit!

Depegöz sprach: Heda, Junge! Nimm hier den Ring von meinem Finger und stecke ihn dir an, auf dass weder Pfeil noch Schwert dir etwas anhaben können! Basat nahm den Ring und steckte ihn an seinen Finger, Depegöz sprach: Junge, hast du den Ring genommen und angesteckt? - Basat sagte: Ich habe ihn angesteckt. Depegöz stürzte auf Basat zu und stach mit dem Dolch um sich.Basat sprang hinweg und hielt sich auf der Seite. Da sah er, dass der Ring zu Boden gefallen war und vor Depegöz' Füßen lag.

Depegöz sprach: Bist du frei?

Basat erwiderte: Mein Gott hat mich befreit!

Depegöz sagte: Junge, siehst du dort das Gewölbe?

Er sprach: Ich sehe es.

Depegöz sagte: Darinnen ist mein Schatz. Den sollen die Alten

nicht wegnehmen. Geh hin und leg ein Siegel vor. Basat betrat

das Gewölbe. Da sah er Gold und Silber angehäuft. Vor lauter

Anschauen vergaß er sich selbst. Depegöz packte die Tür des

Gewölbes. Er sprach: Bist du drin?

Basat sagte: Ich bin drin.

Depegöz sprach: Dann will ich jetzt so zuschlagen, dass du mit-

samt dem Gewölbe in alle Winde zerstreut wirst!

Basats Mund entrang sich ein „La ilahe ilallah, Muhammeden Resul'ullah!"

Es gibt keine Gottheit außer Allah, Muhammed ist der Gesandte Allahs!

Im gleichen Augenblick spaltete sich das Gewölbe und esprangen an sieben Stellen Türen auf. Durch eine davon trat erins Freie. Depegöz streckte eine Hand in das Gewölbe. Er wütete so, dass in dem Gewölbe alles drunter und drüber geriet.

Depegöz fragte: Junge, bist du frei?

Basat antwortete: Mein Gott hat mich befreit!

Depegöz sprach: Du scheinst unsterblich zu sein! Siehst du jene Höhle?

Basat erwiderte: Ich sehe sie. Er sprach: Da drinnen sind zwei Schwerter: eines mit Scheide, eines ohne Scheide. Das ohne Scheide vermag meinen Kopf abzuschneiden. Geh hin, hole es und schneide mir den Kopf ab!  Basat trat an den Höhleneingang. Da sah er ein Schwert ohne Scheide, das nicht stilllag, sondern  unaufhörlich auf- und

abschwang. Basat sagte sich: Das will ich nicht so ohne weiteres anfassen! Er zog sein eigenes Schwert und hielt es hin - es ward in zwei Teile gespalten. Er ging hin, holte einen Baumstamm herbei und hielt ihn unter das Schwert - auch den zerschnitt es in zwei Teile. Jetzt nahm er seinen Bogen zur Hand und zerschoss mit einem Pfeil die Kette, an der das Schwert hing. Das Schwert fiel zu Boden und bohrte sich hinein. Nun steckte er es in seine eigene Scheide und hielt es mit einem festem Griff nieder. Dann kam er heraus und fragte: Heda, Depegöz! Wie geht es dir?

Depegöz sprach: Heda, Junge! Bist du immer noch nicht tot?

Basat sagte: Mich hat mein Gott befreit! - Depegöz sprach: So gibt es für dich keinen Tod! Nun stimmte Depegöz einen Gesang an. Lass uns sehen, was er sang:„ Mein Auge, mein Auge, mein einziges Auge! Mit dir, meinem einzigen Auge, hatte ich Oghusenland zerstört! Mein blaues Auge, hast du, Jüngling, mir genommen!Möge der Allmächtige dir dafür das geliebte Leben nehmen! Da ich nun solche Schmerzen am Auge leide: Möge der allmächtige Gott von heute an keinem Jüngling mehr Augenlicht geben!"

Und weiter sang Depegöz:

„Woher kommst du, Jüngling, wo bist du daheim, sag es mir! Verirrst du dich in finstrer Nacht, worauf hoffst du dann, sag esmir! Wie heißt euer Chan, der das große Banner euch voranträgt in der Schlacht? Sag es mir! Wie heißt dein weißbärtiger Vater? Sag es mir! Schämen soll sich der Recke, der vor einem anderen Recken seinen Namen geheim hält. Sag ihn mir! Wie ist dein Name, Jüngling, nenne ihn mir!" Singend antwortete Basat Depegöz. Lass uns sehen, mein Chan, was er sang:

„Meine Zuflucht, meine Heimat ist Günortadsch!

Meine Hoffnung ist Gott in den Wirren der Nacht!

Unser Chan, der das Großbanner hochhält, ist Bayindir Chan!

Am Tag des Kampfes sprengt uns ailen voran, Salurs Sohn,

unser strahlender Held Kazan!

Fragst du nach meiner Mutter: sie heißt Kaba Aghadsch!

Und mein Vater wird reißender Löwe genannt!

Doch fragst du nach mir: ich heiße Basat,

Sohn des Aruz, der dich aufgezogen hat!"

Depegöz sprach: So sind wir Milchbrüder. Sei barmherzig mit mir!

Basat sprach:

„Heda, du Strolch! Meinen weißbärtigen Vater hast du zum

Weinen gebracht!

Meine alte weißhaarige Mutter schluchzen gemacht!

Meinen Bruder Kiyan hast du umgebracht!

Meine hellgesichtige Schwägerin zur Witwe gemacht!

Ihrc blauäugigen Kleinen zu Waisen gemacht!

Ich werde dich nicht schonen!

Solange ich nicht mein schwarzstählernes Schwert geschwun-

gen,

Dir dein fellmützenbekleidetes Haupt nicht abgeschlagen,

Dein rotes Blut nicht vergossen,

Meinen Bruder Kiyan nicht gerächt habe -

Solange lasse ich nicht von dir ab!"

Auch Depegöz ließ sich hier wieder hören:


 

„Gern würde ich mich von meinem Platz hier erheben;

Würde gern meinen Pakt mit den starken Oghusenbeghen bre-

chen;

Würde ihnen gern wiederum ihre Falken erwürgen;

Würde gern mich wieder einmal an Menschenfleisch sättigen;

Würde es gern sehen, wenn die starken Oghusenbeghe sich

sammelten und gegen mich zögen;

Würde gern mich auf den Salachana-Felsen zurückziehen;

Um sie von dort aus mit schweren Gesteinsbrocken zu be-

schießen.

Würde gern von einem vom Himmel fallenden Stein mich

erschlagen lassen.

Aber du, Jüngling, hast mich meines blauen Auges beraubt!

Möge der Allmächtige dir dafür dein geliebtes Leben nehmen!"


 

Und noch einmal sang Depegöz:

„Oft habe weißbärtige Alte ich weinen gemacht.

Ob wohl der Fluch der Weißbärte dich traf, mein Auge?

Oft habe weißhaarige Weiblein ich weinen gemacht. Sind's

deren Tränen, die über dich kamen, mein Auge?

So manchen fraß ich, dem der erste Bartflaum spross. Ob's

deren Jugend ist, die dich nun büßen lässt, mein Auge?

So manche Maid fraß ich, mit hennaroten Händchen. Ist's die-

ser Hände Spann, der dich erfasst, mein Auge?

Die schwere Pein, die du, mein Auge, musst erfahren

Mag allen Jünglingen der mächtge Gott ersparen!

Mein Auge, mein Auge, ach mein Auge!

Mein einziges Auge!"

Zornig erhob sich Basat von seinem Platz und ließ Depegöz wie einen Kamelhengst niederknien. Dann schlug er ihm mit seinem eigenen Schwert das Haupt herunter. Durchbohrte es, zog es auf eine Bogensehne und schleppte es vor den Eingang der

Höhle. Bunlu Kodscha und Japaghlu Kodscha sandte er mit der frohen Botschaft zu den Oghusen. Sie bestiegen weißgraue Pferde und ritten davon. So gelangte die Nachricht nach Oghusenland. Ein Bote ritt zu Ataghizlu Aruz Kodschas Wohnstätte, versetzte Basats Vater mit den Worten in Freude: Frohe Botschaft! Dein Sohn hat Depegöz zur Strecke gebracht! Die starken Oghusenbeghe ritten los und kamen an den Felsen Salachana. Holten das Haupt Kuppenauges und brachten es mitten unter die Leute. Mein Erzvater Korkut kam und spielte frohe Weisen. Er sang von alldem, was den siegreichen Helden widerfahren. Und so betete er auch für Basat: „Die hohen Berge mögen dich passieren lassen! Die wilden Fluten sich von dir durchschreiten lassen! Mannhaft hast du deinen Bruder gerächt. Hast den mächtigen Oghusenbeghen Befreiung aus der Bedrängnis gebracht. Möge Allah, der Allmächtige, dir ein unbescholtenes Leben gewähren, Basat!"

„Mag sterbend Gott euch nicht vom reinen Glauben trennen! Mag eure Sünden er vergeben euch im Stillen - Um Muhammeds, des Vielgepries'nen willen! Mein Chan, heyy!"

Worterklärungen

Aghadsch: Längenmaß, 1 aghadsch = 6-7 km.

Albaner. Kaukasus-Albaner, den Oghusen ethnisch verwandter Volksstamm.

Ali: Schwiegersohn des Propheten, dessen vierter Nachfolger

(Kalif).

Begh: Stammeshäuptling, allgemein „hoher Herr".

Billah!: Bei Gott!

Chan: Herrscher, Khan.

Itsch(-Oghus): Die „inneren" Oghusen, dominierender Teil der

Gesamtoghusen.

Oghus: Name des mythischen Vorfahren der Oghusen, türkischer Volksstamm.

Tasch(-Oghusen): Die „äußeren" Oghusen.