Dede
Korkut's Buch
VIII.
Hier wird erzählt, wie Basat den Depegöz tötete, mein Chan, heyy!
Eines Tages, mein Chan, kam der Feind so
unerwartet über die Oghusen, dass sie angsterfüllt im Dunkel der Nacht
abwander- ten Auf der Flucht ging
Aruz Kodschas kleiner Sohn verloren. Ein Löwe fand ihn, nahm ihn mit und
nährte ihn. Dann kam der Tag, an dem die Oghusen in ihre Heimat
zurückkehrten. Der Pferdehirt des Oghusenbeghs kam herbei und brachte die
Nach- richt: Mein Chan, au em öhricht bricht häufig ein Löwe hervor,
um Pferde zu schlagen. Sein Lauf gleicht dem eines Menschen, wenn er auf
allen Vieren kriecht. Er schlägt Pferde und saugt ihnen das Blut aus. Aruz
sprach: Mein Chan, mag das wohl mein Söhnchen sein, das bei unserer Flucht
abhanden gekommen ist? Die Beghe stiegen zu Pferd und zogen gegen das
Löwenlager. Sie schlugen den Löwen in die Flucht und ergriffen den Jun- gen.
Aruz nahm ihn zu sich und brachte ihn nach Hause. Bei Speis und Trank
feierte man das frohe Ereignis. Den Jungen aber hielt es daheim nicht; er
kehrte zurück ins Lager des Löwen, aus dem man ihn immer wieder herausholen
musste.
Mein Erzvater Korkut erschien und sprach:
Mein Junge, du bist ein Mensch. Gib das Zusammenleben mit den Tieren auf!
Komm, besteig ein gutes Pferd und reite zusammen mit wackeren Jungrecken.
Dein Name sei Basat. Den Namen gab ich dir, möge Allah dir Leben geben!
Eines Tages zogen die Oghusen ins
Sommerlager. Aruz hatte einen Hirten, den sie Konur Kodscha, den blonden
Schäfer nannten.
Der war stets der Erste, der vor allen
anderen auf die Alm zog. Dort gab es eine unter dem Namen Uzunbinar bekannte
Quelle. An der hatten sich Feen niedergelassen. Als plötzlich die Schafe
scheuten, lief der Schäfer - ärgerlich über den Leithammel - an die Spitze
der Hcrde. Da sah er, wie Feenmädchen dicht an dicht unter Flügelschlagen
aufstiegen. Rasch warf er seinen Filzumhang aus und hatte auch tatsächlich
eine Fee darunter gefangen. Da packte ihn die Begierde und er paarte sich
hastig mit ihr. Die Schafe begannen zu scheuen und der Hirt setzte sich
wieder an ihre Spitze. Das Feenmädchen schlug mit den Flügeln und erhob sich
mit den Worten in die Luft: Schäfer, komm übers Jahr wieder her und hol dir
ab, was du mir anvertraut hast! Über die Oghusen aber hast du Unheil
gebracht! Der Schäfer wurde von Furcht gepackt. Die Sehnsucht nach dem
Mädchen aber ließ ihn gelb anlaufen. Wieder zogen die Oghusen auf die Alm
und der Schäfer kam an die Quelle.
Wieder scheuten die Schafe. Der Schäfer lief
an die Spitze der Herde. Da erblickte er eine Anhäufung, von der ein
Glänzen und Glitzern ausging. Jetzt erschien auch die Fee. Sie sprach:
Schäfer, komm herbei und nimm an dich, was dir gehört! Aber Unheil hast du
gebracht über die Oghusen! Beim
So nahm Aruz Depegöz oder Kuppenauge mit
sich in seine Behausung.
Auf sein Gebot erschien eine Amme. Sie
reichte Depegöz die Brust. Beim ersten Zug nahm er ihr alle Milch. Beim
zweiten Zug ihr Blut. Beim dritten ihr
Leben. So ließ man mehrere Ammen kommen, die er alle zu Tode brachte. Da
bemerkte man freilich, dass es so nicht gehen konnte und ernährte ihn von
nun an mit Tiermilch. Ein ganzer Kessel hiervon pro Tag aber war ihm noch zu
wenig. So ernährten sie ihn, er wuchs heran und begann zu laufen, mit den
anderen Knaben zu spielen. Jetzt hub er an, die kleinen Jungen anzuknabbern;
dem einen fraß er die Nase ab, dem anderen ein Ohr. Kurz und gut – die Leute
hatten mit ihm ihre Not. Schließlich wussten sie nicht mehr weiter,
beschwerten sich bei Aruz, weinten und jammerten, Aruz nahm sich Depegöz
vor,
prügelte und beschimpfte ihn und verbot
ihm diese Dinge. Der aber scherte sich nicht darum. Schließlich jagte Aruz
ihn aus dem Haus. Die Fee, die
Mutter Kuppenauges, kam und steckte ihrem Sohn einen Ring an den Finger,
wobei sie sagte: Sohn, kein Pfeil mag in dich dringen, kein Schwert deine
Haut ritzen! Depegöz verließ nun die Oghusen und stieg auf einen hohen
Er lauerte den Leuten an den Wegen auf, entführte Menschen und wurde ein
großer Räuber. Mehrfach entsandte man gegen ihn Männer. Sie beschossen ihn
mit Pfeilen - diese drangen nicht durch seine Haut. Sie schlugen mit den
Schwertern nach ihm – diese verletzten ihn nicht. Bald gab es keine Hirten
mehr, weil er sie
alle aufgefressen hatte. Nun begann er
auch Männer der Oghusen zu verzehren. Die Oghusen taten sich zusammen und
drangen auf ihn ein.
Bei ihrem Anblick wurde Depegöz sehr
zornig. Er riss einen Baum aus dem Erdreich, warf damit nach ihnen und
brachte fünfzig bis sechzig Mann zu Tode. Kazan, dem Oberhaupt der Albaner,
versetzte er einen Hieb, der ihm die Welt eng werden
ließ. Kazans Bmder Karagüne wurde
von Depegöz besiegt. Dözens
Sohn Alp Rüstem starb den Märtyrertod.
Ein Recke wie der Sohn Uschun Kodschas,
wurde unter den
Händen von Depegöz zum Märtyrer. Zwei der
Brüder Aruk
Dschans gingen unter den Händen Depegöz
zugrunde.
Mamak, der Eisengewandete, hauchte unter
seinen Händen das
Leben aus.
Bekdüz Emen, der mit dem blutigen
Schnauzbart, unterlag ihm.
Den weißbärtigen Aruz Kodscha ließ er Blut
spucken.
Seinem Sohn Kiyan Seldschuk zerquetschte
er die Gallenblase.
Die Oghusen wurden mit Depegöz nicht
fertig, sie bekamen es mit der Angst und liefen davon. Depegöz umlief sie
und stellte sich ihnen in den Weg. Er ließ
die Oghusen nicht fort, sondern
zwang sie an ihren Platz zurück. Kurz - siebenmal versuchten sie zu
flüchten, Depegöz aber stellte sich ihnen siebenmal in den Weg und trieb sie
wieder zurück. So hatte Depegöz die Oghusen völlig in seine Gewalt gebracht.
Sie gingen hin und riefen nach Erzvater Korkut. Sprachen: Kommt, lasst uns
ihm Tribut zahlen! Sie entsandten meinen Erzvater Korkut zu Depegöz. Dieser
erschien bei ihm und grüßte.
Dann sprach er: Sohn, Depegöz, die Oghusen sind in deiner Hand und
völlig erledigt. Sie schicken mich in den Staub zu deinen Füßen. Sie
sagen, sie wollen dir Tribut zahlen! Depegöz sagte: So gebt mir täglich
sechzig Männer zum Verzehr!
Erzvater Korkut sprach: Auf diese Weise lässt du keinen mehr
übrig, zehrst sie alle auf. Wir wollen dir
jeden Tag zwei Männer und fünfhundert Schafe geben. Als Erzvater Korkut so
sprach, versetzte Depegöz: Gut, so sei es! Und gebt mir auch zwei Männer,
die mir meine Mahlzeit
kochen!
Erzvater Korkut ging zu den Oghusen zurück. Er sprach: Gebt dem Depegöz den
Bunlu Kodscha und den Japaghlu Kodscha. Sie sollen ihm sein Essen kochen!
Außerdem verlangt er täglich zwei Männer und fünfhundert Schafe. Sie
erklärten sich einverstanden. Wer vier Söhne hatte, musste einen hergeben,
sodass drei verblieben. Wer drei hatte, musste
einen abgeben und behielt zwei. Wer zwei
hatte, musste einen
hergeben und durfte nur einen
behalten. Nun lebte dort ein Mann mit Namen Kapakkan, der zwei Söhne
hatte.Einen Sohn hatte er bereits
abgegeben und einen behalten. Jetzt war abermals die Reihe an ibn gekommen.
Die Mutter schrie und weinte in ihrer Verzweiflung. Zu diesem Zeitpunkt
kehrte Basat, der Sohn des Aruz, von einem Kriegszug zurück. Das Weiblein
rief darum: Basat ist gerade von einem Raubzug in Feindesland zurück. Ich
will zu ihm gehen; sei es, dass er mir vielleicht einen Gefangenen gibt, mit
dem ich mein Söhnchen errette! Basat hatte sein goldbesticktes Zelt
aufgeschlagen und saß darinnen, als er eine Frau kommen sah. Sie trat hinein
zu Basat; herein trat sie, grüßte, weinte und sprach:
„Du mit dem gefiederten Pfeil, so dick,
dass er dir kaum in die Handschüssel passt.
Du mit dem strammen Bogen aus dem Gehörn
eines riesigen
Widders.
Du, den man in Itsch-Oghusenland, in
Tasch-Oghusenland
kennt.
Du Sohn des Aruz, mein Chan Basat, steh
mir bei!"
Basat sprach: Was wünschst du?
Das Weiblein sagte: In dieser schlechten
Welt ist ein Mann auf-getreten. Er ließ die Oghusen nicht auf ihre
Sommerweiden. Schwarze Stahlschwerter vermochten ihn nicht zu verletzen.
Rohrlanzenschwinger konnten ihn nicht durchbohren. Buchen-pfeilschützen
richteten nichts gegen ihn aus. Den Albaner-Häuptling Kazan schlug er mit
einem Hieb nieder. Sein Bruder Karagüne unterlag ihm. Bükdüz Emen, der mit
dem blutigen Schnauzbart, unterlag ihm. Deinen weißbärtigen Vater Aruz Iieß
er Blut spucken. Auf dem Kampfplatz riss deinem Bruder Kiyan Seldschuk die
Gallenblase und er ließ sein Leben. Und selbst die mächtigen Oghusenbeghe -
den einen überwäl-tigte er, den anderen ließ er den Märtyrertod sterben.
Siebenmal haben die Oghusen versucht, ihm zu entkommen. Schlachten will ich,
sagte er - und schlachtete. Jeden Tag verlangt er zwei Männer und
fünfhundert Schafe. Man gab ihm den Bunlu Kod-scha und den Japaghlu Kodscha
zu Dienern. Wer drei Söhne hatte, musste einen abgeben. Wer zwei hatte,
musste einen geben. Ich hatte zwei Söhnchen. Einen gab ich her; es verblieb
mir einer. Nun ist die Reihe wieder an mir. Auch ihn wollen sie mir
wegnehmen. Mein Chan, steh mir bei! Basats dunkle Augen füllten sich mit
Tränen. Er stimmte um seinen Bruder einen Gesang an. Lass uns sehen, mein
Chan, was er sang:
Jener Tyrann wird sie zerstört haben,
Bruder!
Aus deinen Pferchen voll flinker Renner
Wird jener Tyrann dir welche entführt
haben, Bruder!
Aus der Reihe deiner einhöckerigen Kamele
Wird jener Tyrann welche weggeholt haben,
Bruder!
Die Schafe, die zum Festmahl du zu
schlachten pflegtest,
Jener Tyrann wird sie dir erschlagen
haben, Bruder!
Das Bräutchen, das frohgemut du dir
geholt,
Jener Tyrann wird es dir geraubt haben,
Bruder!
Dass mein weißbärtiger Vater nach dem Sohn
geweint,
Wirst du zugelassen haben, Bruder!
Dass meine weißgesichtige Mutter
gejammert,
Wirst du zugelassen haben, Bruder!
Du meinen Berg dort überragender Bruder!
Du mein Wildwasser übertreffender Bruder!
Du Kraft meiner starken Hüfte,
Du Licht meiner dunklen Augen, Bruder!"
Jener Frau aber überließ er einen
Gefangenen und sagte: Geh hin und löse deinen Sohn ein! Die Frau ging hin
und gab ihn anstelle ihres Sohnes. Auch brachte sie Aruz die frohe Nachricht
von der Ankunft seines
Sohnes.
Aruz freute sich. Zusammen mit den starken
Oghusen beghenritt er Basat entgegen. Basat küsste seinem Vater die Hand.
Sie weinten und schluchzten sich aneinander aus. Dann kam er im Hause
seiner Mutter an. Seine Mutter trat ihm entgegen. Umarmte ihr Söhnlein.
Basat küsste seiner Mutter die Hand. Sie begrüßten sich schluchzend. Die
Oghusenbeghe versammelten sich, es wurde gegessen und getrunken. Basat
sprach: Ihr Beghe, um des Bruders willen werde ich Depegöz aufsuchen. Was
gebietet ihr? Hier stimmte Kazan Begh einen Gesang an. Lass uns sehen, mein
Chan, was er sang! Er sprach:
In Himmelshöhe stellte ich ihn, und konnte
ihn nicht bezwin-
gen, Basat!
Zum schwarzen Panther ist geworden
Depegöz;
Im Hochgebirge stellte ich ihn, und konnte
ihn nicht bezwin-
gen, Basat!
Zum reißenden Löwen ist geworden Depegöz;
Im dichten Röhricht stellte ich ihn, und
konnte ihn nicht
bezwingen, Basat!
Bist du ein Held, so gut;
Doch besser als Kazan wirst du's nicht
können, Basat! Lass
nicht zu, dass dein weißbärtiger Vater um
dich weinen muss!
Lass nicht zu, dass deine weißhaarige
Mutter um dich schluch-
zen muss!"
Der Vater weinte und sprach: Sohn, lass
meinen Herd nicht ver-öden. Sei gnädig, geh nicht!
schoss ihn Depegöz gegen den Rücken. Der
Pfeil drang nicht ein, sondern zerbraeh. Er schoss noch einmal. Auch dieser
Pfeil zersprang in Stücke. Depegöz sagte zu den Alten: Die Mücken hier sind
uns lästig! - Noch einmal schoss Basat. Auch dieserzerbrach, indem ein
Splitter davon vor Depegöz hinfiel. Depegöz sprang auf, erblickte Basat,
klatschte in die Hände und lachte auf. Dann sagte er zu den Alten: Wieder
ist ein frühreifes Lämmchen von den Oghusen eingetroffen!
Er griff sich Basat, stellte
ihn vor sich hin und schüttelte
ihn am Halse hin und her. Dann trug er ihn zu seinem Lager und steckte ihn
in den Schaft seines Stiefels. Dabei sprach er: Heda, ihr Alten! Den werdet
ihr mir zum frühen Nachmittag am Drehspieß braten; ich will ihn fressen.
Damit schlief er wieder ein. Basat hatte einen Dolch bei sich, mit dem er
den Stiefel aufschlitzte und heraussprang. Er sagte: Heda, ihr Alten, wo ist
der Kerl sterblich? Sie erwiderten: Das wissen wir nicht. Aber außer seinem
Auge hat er nirgendwo Fleisch. Basat trat zu Depegöz und hob ihm das
Augenlid an. Da sah er,dass das Auge fleischig war. Jetzt sprach er: Heda,
ihr Alten! Haltet den Spieß ins Feuer, bis er rot wird! Sie ließen den Spieß
im Feuer, bis er rot war. Basat nahm ihn zur Hand. Er sprach einen Segen auf
Muhammed, den Vielgepriesenen. Dann stach er den Spieß mit solcher Gewalt in
das Auge, dass es zerstört wurde. Depegöz stieß ein Gebrüll aus, von dem die
Berge und Felsen widerhallten. Basat sprang davon und geriet in die Höhle
zwischen die Schafe. Depegöz spürte, dass Basat in der Höhle war. Er
versperrte den Eingang, indem er einen Fuß auf die eine und den anderen Fuß
auf die andere Seite stemmte. Dann sagte er: Heda, ihr Leithammel! Geht an
mir vorbei hinaus, einer nach dem anderen! Ein Widder erhob sich, streckte
sich und gähnte. Flink drückte Basat ihn zu Boden und schnitt
ihm die Kehle durch. Dann zog er
ihm das Fell ab, ohne dabei den Kopf und den Fettschwanz abzutrennen. Das
zog er sich über. So gelangte Basat vor Depegöz. Dieser merkte, dass Basat
in dem Fell steckte. Er sagte: du tauber Hammel!
Woher weißt
du denn, dass ich umkommen werde? Ich will dich
doch einmal gegen die Höhlenwand
schmettern, dass dein Schwanz die ganze Höhle einfettet!
Basat gab dem Depegöz den Hammelschädel in
die Hand. Depegöz packte ihn kräftig beim Gehörn. Als er ihn anheben wollte,
hielt er Gehörn und Balg in der Hand. Basat aber flitzte zwischen Depegöz'
Beinen hindurch ins Freie. Depegöz warf das Gehörn zu Boden und rief: Junge,
bist du frei? Basat sagte: Mein Gott hat mich befreit!
Depegöz sprach: Heda, Junge! Nimm hier den
Ring von meinem Finger und stecke ihn
dir an, auf dass weder Pfeil noch Schwert dir etwas anhaben können! Basat
nahm den Ring und steckte ihn an seinen Finger, Depegöz sprach: Junge, hast
du den Ring genommen und angesteckt? - Basat sagte: Ich habe ihn angesteckt.
Depegöz stürzte auf Basat zu und stach mit dem Dolch um sich.Basat sprang
hinweg und hielt sich auf der Seite. Da sah er, dass der Ring zu Boden
gefallen war und vor Depegöz' Füßen
lag.
Depegöz sprach: Bist du frei?
Basat erwiderte: Mein Gott hat mich
befreit!
Depegöz sagte: Junge, siehst du dort das
Gewölbe?
Er sprach: Ich sehe es.
Depegöz sagte: Darinnen ist mein Schatz.
Den sollen die Alten
nicht wegnehmen. Geh hin und leg ein
Siegel vor. Basat betrat
das Gewölbe. Da sah er Gold und Silber
angehäuft. Vor lauter
Anschauen vergaß er sich selbst. Depegöz
packte die Tür des
Gewölbes. Er sprach: Bist du drin?
Basat sagte: Ich bin drin.
Depegöz sprach: Dann will ich jetzt so
zuschlagen, dass du mit-
samt dem Gewölbe in alle Winde zerstreut
wirst!
Basats Mund entrang sich ein „La ilahe
ilallah, Muhammeden
Resul'ullah!"
Es gibt keine Gottheit außer Allah,
Muhammed ist der Gesandte
Allahs!
Im gleichen Augenblick spaltete sich das
Gewölbe und esprangen an sieben Stellen Türen auf. Durch eine davon trat erins
Freie. Depegöz streckte eine Hand in das Gewölbe. Er wütete so, dass
in dem Gewölbe alles drunter und drüber geriet.
Depegöz fragte: Junge, bist du frei?
Basat antwortete: Mein Gott hat mich
befreit!
Depegöz sprach: Du scheinst unsterblich zu
sein! Siehst du jene
Höhle?
Basat erwiderte: Ich sehe sie. Er sprach:
Da drinnen sind zwei Schwerter: eines mit Scheide, eines ohne Scheide. Das
ohne Scheide vermag meinen Kopf abzuschneiden. Geh hin, hole es und schneide
mir den Kopf ab! Basat trat an den Höhleneingang. Da sah er ein
Schwert ohne Scheide, das nicht stilllag, sondern unaufhörlich auf-
und
abschwang. Basat sagte sich: Das will ich
nicht so ohne weiteres anfassen! Er zog sein eigenes Schwert und hielt es
hin - es ward in zwei Teile gespalten. Er ging hin, holte einen Baumstamm
herbei und hielt ihn unter das Schwert - auch den zerschnitt es in zwei
Teile. Jetzt nahm er seinen Bogen zur Hand und zerschoss mit einem Pfeil die
Kette, an der das Schwert hing. Das Schwert fiel zu Boden und bohrte sich
hinein. Nun steckte er es in seine eigene Scheide und hielt es mit einem
festem Griff nieder. Dann kam er heraus und fragte: Heda, Depegöz! Wie geht
es dir?
Depegöz sprach: Heda, Junge! Bist du immer
noch nicht tot?
Basat sagte: Mich hat mein Gott befreit! -
Depegöz sprach: So gibt es für dich keinen Tod! Nun stimmte Depegöz einen
Gesang an. Lass uns sehen, was er sang:„ Mein Auge, mein Auge, mein einziges
Auge! Mit dir, meinem einzigen Auge, hatte ich Oghusenland zerstört! Mein
blaues Auge, hast du, Jüngling, mir genommen!Möge der Allmächtige dir dafür
das geliebte Leben nehmen! Da ich nun solche Schmerzen am Auge leide: Möge
der allmächtige Gott von heute an keinem Jüngling mehr Augenlicht geben!"
Und weiter sang Depegöz:
„Woher kommst du, Jüngling, wo bist du
daheim, sag es mir! Verirrst du dich in finstrer Nacht, worauf hoffst du
dann, sag esmir! Wie heißt euer
Chan, der das große Banner euch voranträgt in der Schlacht? Sag es mir! Wie
heißt dein weißbärtiger Vater? Sag es mir! Schämen soll sich der Recke, der
vor einem anderen Recken seinen Namen geheim hält. Sag ihn mir! Wie ist dein
Name, Jüngling, nenne ihn mir!" Singend antwortete Basat Depegöz. Lass uns
sehen, mein Chan, was er sang:
„Meine Zuflucht, meine Heimat ist
Günortadsch!
Meine Hoffnung ist Gott in den Wirren der
Nacht!
Unser Chan, der das Großbanner hochhält,
ist Bayindir Chan!
Am Tag des Kampfes sprengt uns ailen
voran, Salurs Sohn,
unser strahlender Held Kazan!
Fragst du nach meiner Mutter: sie heißt
Kaba Aghadsch!
Und mein Vater wird reißender Löwe
genannt!
Doch fragst du nach mir: ich heiße Basat,
Sohn des Aruz, der dich aufgezogen hat!"
Basat sprach:
„Heda, du Strolch! Meinen weißbärtigen
Vater hast du zum
Weinen gebracht!
Meine alte weißhaarige Mutter schluchzen
gemacht!
Meinen Bruder Kiyan hast du umgebracht!
Meine hellgesichtige Schwägerin zur Witwe
gemacht!
Ihrc blauäugigen Kleinen zu Waisen
gemacht!
Ich werde dich nicht schonen!
Solange ich nicht mein schwarzstählernes
Schwert geschwun-
gen,
Dir dein fellmützenbekleidetes Haupt nicht
abgeschlagen,
Dein rotes Blut nicht vergossen,
Meinen Bruder Kiyan nicht gerächt habe -
Solange lasse ich nicht von dir ab!"
Auch Depegöz ließ sich hier wieder hören:
„Gern würde ich mich von meinem Platz hier
erheben;
Würde gern meinen Pakt mit den starken
Oghusenbeghen bre-
chen;
Würde ihnen gern wiederum ihre Falken
erwürgen;
Würde gern mich wieder einmal an
Menschenfleisch sättigen;
Würde es gern sehen, wenn die starken
Oghusenbeghe sich
sammelten und gegen mich zögen;
Würde gern mich auf den Salachana-Felsen
zurückziehen;
Um sie von dort aus mit schweren
Gesteinsbrocken zu be-
schießen.
Würde gern von einem vom Himmel fallenden
Stein mich
erschlagen lassen.
Aber du, Jüngling, hast mich meines blauen
Auges beraubt!
Möge der Allmächtige dir dafür dein
geliebtes Leben nehmen!"
Und noch einmal sang Depegöz:
„Oft habe weißbärtige Alte ich weinen gemacht.
Ob wohl der Fluch der Weißbärte dich traf,
mein Auge?
Oft habe weißhaarige Weiblein ich weinen
gemacht. Sind's
deren Tränen, die über dich kamen, mein Auge?
So manchen fraß ich, dem der erste Bartflaum
spross. Ob's
deren Jugend ist, die dich nun büßen lässt,
mein Auge?
So manche Maid fraß ich, mit hennaroten
Händchen. Ist's die-
ser Hände Spann, der dich erfasst, mein Auge?
Die schwere Pein, die du, mein Auge, musst
erfahren
Mag allen Jünglingen der mächtge Gott
ersparen!
Mein Auge, mein Auge, ach mein Auge!
Mein einziges Auge!"
Zornig erhob sich Basat von seinem Platz und
ließ Depegöz wie einen Kamelhengst niederknien. Dann schlug er ihm mit seinem
eigenen Schwert das Haupt herunter. Durchbohrte es, zog es auf eine Bogensehne
und schleppte es vor den Eingang der
Höhle.
Bunlu Kodscha und Japaghlu Kodscha sandte er mit der frohen Botschaft zu den
Oghusen. Sie bestiegen weißgraue Pferde und ritten davon. So gelangte die
Nachricht nach Oghusenland. Ein Bote ritt zu Ataghizlu Aruz Kodschas Wohnstätte,
versetzte Basats Vater mit den Worten in Freude: Frohe Botschaft! Dein Sohn hat
Depegöz zur Strecke gebracht! Die starken Oghusenbeghe ritten los und kamen an
den Felsen Salachana. Holten das Haupt Kuppenauges und brachten es mitten unter
die Leute. Mein Erzvater Korkut kam und spielte frohe Weisen. Er sang von
alldem, was den siegreichen Helden widerfahren. Und so betete er auch für Basat:
„Die hohen Berge mögen dich passieren lassen! Die wilden Fluten sich von dir
durchschreiten lassen! Mannhaft hast du deinen Bruder gerächt. Hast den
mächtigen Oghusenbeghen Befreiung aus der Bedrängnis gebracht. Möge Allah, der
Allmächtige, dir ein unbescholtenes Leben gewähren,
Basat!"
„Mag sterbend Gott euch nicht vom reinen
Glauben trennen! Mag eure Sünden er vergeben euch im Stillen - Um Muhammeds, des
Vielgepries'nen willen! Mein Chan, heyy!"
Worterklärungen
Aghadsch:
Längenmaß, 1 aghadsch = 6-7 km.
Albaner.
Kaukasus-Albaner, den Oghusen ethnisch verwandter
Volksstamm.
Ali:
Schwiegersohn des Propheten, dessen vierter Nachfolger
(Kalif).
Begh:
Stammeshäuptling, allgemein „hoher Herr".
Billah!:
Bei Gott!
Chan:
Herrscher, Khan.
Itsch(-Oghus):
Die „inneren" Oghusen, dominierender Teil der
Gesamtoghusen.
Oghus:
Name des mythischen Vorfahren der Oghusen,
türkischer Volksstamm.
Tasch(-Oghusen):
Die „äußeren"
Oghusen.