Es ist nachgewiesen, dass schon im 5. Jahrhundert nach Christus im nordöstlichen Teil Aserbaidschans ein Alphabet existierte, in dem literarische Werke verfasst wurden. Schriftliche Zeugnisse der aserbaidschanischen Literatur sind erst aus dem 10. und 11. Jahrhundert erhalten. Neben Werken in persischer und arabischer Sprache entstanden zu jener Zeit auch Werke in Aserbaidschanisch wie beispielsweise „Dede Korkut's Buch". Dieses Epos geht auf eine mündliche Fassung zurück, die bereits im achten Jahrhundert bekannt war. Es beschreibt in zwölf Sagen den Kampf der Oghusen, der Vorfahren der Aserbaidschaner, für Freiheit und Unabhängigkeit. Durch die Jahrhunderte andauernden engen politischen Beziehungen Aserbaidschans zu Persien, die auch durch die gemeinsame Religion des Islam gefestigt waren, blieb das Persische lange Zeit die vor-herrschende Literatursprache.
In der
Literatur der folgenden Epochen traten drei
große
Dichter hervor, die heute zu den
Klassikern
zählen und die große
Tradition der Poesie begründeteten, die charakteristisch
für die Literatur des Landes ist:
Nisami
Gändschawi, der im 12. Jahrhundert seine Gedichtzyklen in Persisch schrieb, der
überwiegend
in aserbaidschanischer Sprache
dichtende Nässimi, der als Dichter und Denker die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts dominierte, und schließlich
Mehemmed Fizuli. Sein in persischer und aserbaidschanischer
Sprache verfasstes Werk fällt in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Nässimi, ein Anhänger der zu mystischen
Spekulationen
neigenden Sekte des Hürufismus, war einer der großen Humanisten seiner Zeit und eines der großen Vorbilder der
nachfolgenden
Dichtergenerationen. Er wurde von seinen Feinden auf grausame Weise getötet - sie nahmen ihn
in Aleppo gefangen und zogen
ihm bei
lebendigem
Leib die Haut ab. Der Ruhm dieser
drei Dichter drang weit
über die Grenzen Aserbaidschans hinaus, ihr Einfluss
erstreckte
sich nicht nur auf die benachbarten islamischen Kulturen, auch Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine und viele andere namhafte Dichter westlicher Kulturkreise kannten sie und zählten zu ihren
Bewunderern.
Im 18. Jahrhundert
traten erneut bedeutende Lyriker hervor, die, wie vor allem Molla
Penäh Vagif, neue thematische Akzente setzten. Es ging ihnen
nicht
mehr nur um Liebeslyrik und, wie häufig bei den berühmten Vorgängern, um
ethische und philosophische
Fragen, die um die Ergründung
der Geheimnisse des Universums kreisten, sondern um eine verstärkte Hinwendung zu sozialen
Motiven, die den Weg der Poesie zum
Realismus
wiesen. Diese Tradition setzte sich
im 19.
Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert war
eine
Periode großen Umbruchs. Es blieben zwar noch die
alten, von Persien und vor allem auch von der Türkei beeinflussten Literaturtraditionen
lebendig, Nordaserbaidschan
befreite sich allerdings vom sozialen und politischen Einfluß des Irans und der Türkei und wurde nach der
Angliederung an Russland im Jahre 1828
wesentlich
stärker in die europäische
Geistesgeschichte einbezogen.
Es begann eine
rege Übersetzungstätigkeit
russischer und westeuropäischer
Literatur und Philosophie.
Aufklärerische und
revolutionär-demokratische
Ideen gewannen an Einfluss und in der Literatur formierte sich ein
realistischer
Stil, der ab der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts
auch bedeutende Prosa und, zum ersten Mal in der aserbaidschanischen Literatur, dramatische Werke hervorbrachte. Diese Strömung setzte
sich auch in der im 20. Jahrhundert dominanten sowjet-aserbaidschanischen Literatur
fort.
Aus
der
Vielzahl der Schriftsteller, die an der Entwicklung der realistischen Prosa und Dramatik Anteil hatten, sei hier vor
allem Dshalil Mamedkulisade hervorgehoben. In seinen Werken
kritisierte
er wie seine zahlreichen Vorgänger im 19. Jahrhundert die sozialen Missstände seiner Zeit und trat für die Aufklärung des entrechteten Volkes ein. Wie der bedeutende
Wegbereiter des
1
Realismus aus der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts, Mirsa Fatali
Achundow,
wandte auch er sich in
erzieherischer
und aufklärerischer Absicht
an ein breiteres Publikum, das des Lesens und Schreibens noch unkundig war. Er machte erstmals Menschen der
unteren
sozialen Schichten zu Hauptfiguren. Herausragend ist
seine Erzählung „Der Briefkasten", die am Beginn
des 20. Jahrhunderts (1903)
entstand
und großen Einfluss
auf die nachkommende
Dichtergeneration
ausübte. Weit über die Grenzen hinaus berühmt und beliebt war seine satirische Zeitschrift „Molla Nasreddin", die er vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis
zu seinem Tod im Jahre
1932 herausgab.
Es ist bezeichnend, dass die sowjet-aserbaidschanische
Literatur des 20. Jahrhunderts
ihren
Anfang mit der Poesie nahm.
Nach der Errichtung des bolschewistischen
Regimes im Jahre 1920 bildete sich in den zwanziger und dreißiger Jahren eine
neue
Form sozialpolitischer Lyrik
heraus. In ihrem Mittelpunkt stehen der proletarische Held, die Verherrlichung der historischen Ereignisse seit der
Oktoberrevolution
und der Aufbau einer neuen
Gesellschaftsordung.
Dass die wichtigsten Vertreter dieser Strömung, Samed Wurgun, Rassul Rsa, Bachtiyar Wahab-zade, Näbi Chäsri oder
auch Fikret Godscha, nicht nur programmatische Lyrik schrieben, zeigen die hier vorgelegten Beispiele.
In der Prosa der
dreißiger
Jahre entstanden zum ersten Mal in der aserbaidschanischen Literaturgeschichte groß angelegte epische Romanwerke im
Dienste
der damals herrschenden Ideologie. Erst in
den sechziger Jahren kam eine
jüngere
Schriftstellergeneration zu
Wort, die sich von der dogmatischen Linie des Sowjetrealismus befreite. In den Novellen Eltschins, Anars, Jussif Samedoglus, Sabir Ahmedows, Sabir Azeris
oder
Äkräm Äylislis
zeigt sich eine Öffnung zu allgemein
menschlichen
Themen; der Aufbruch in die Moderne westlicher Prägung ist auch ein
Zeichen der gegenwärtigen Literatur, die
sich nach den jüngsten politischen Entwicklungen in viele Richtungen bewegt und nach neuen
Positionen
sucht.