Marianne Gruber, Manfred Müller

 

 

LITERATUR AUS ASERBAIDSCHAN

 

Es ist nachgewiesen, dass schon im 5. Jahrhundert nach Christus im nordöstlichen Teil Aserbaidschans ein Alphabet existierte, in dem literarische Werke verfasst wurden. Schriftliche Zeugnisse der aserbaidschanischen Literatur sind erst aus dem 10. und 11. Jahrhundert erhalten. Neben Werken in persischer und arabischer Sprache entstanden zu jener Zeit auch Werke in Aserbaidschanisch wie beispielsweiseDede Korkut's Buch". Dieses Epos geht auf eine mündliche Fassung zurück, die bereits im achten Jahrhundert bekannt war. Es beschreibt in zwölf Sagen den Kampf der Oghusen, der Vorfahren der Aserbaidschaner, für Freiheit und Unabhängigkeit. Durch die Jahrhunderte andauernden engen politischen Beziehungen Aserbaidschans zu Persien, die auch durch die gemeinsame Religion des Islam gefestigt waren, blieb das Persische lange Zeit die vor-herrschende Literatursprache.

In der Literatur der folgenden Epochen traten drei große Dichter hervor, die heute zu den Klassikern zählen und die große Tradition der Poesie begründeteten, die charakteristisch für die Literatur des Landes ist: Nisami Gändschawi, der im 12. Jahrhundert seine Gedichtzyklen in Persisch schrieb, der überwiegend in aserbaidschanischer Sprache dichtende Nässimi, der als Dichter und Denker die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts dominierte, und schließlich Mehemmed Fizuli. Sein in persischer und aserbaidschanischer Sprache verfasstes Werk fällt in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Nässimi, ein Anhänger der zu mystischen Spekulationen neigenden Sekte des Hürufismus, war einer der großen Humanisten seiner Zeit und eines der großen Vorbilder der nachfolgenden Dichtergenerationen. Er wurde von seinen Feinden auf grausame Weise getötet - sie nahmen ihn in Aleppo gefangen und zogen ihm bei lebendigem Leib die Haut ab. Der Ruhm dieser drei Dichter drang weit über die Grenzen Aserbaidschans hinaus, ihr Einfluss erstreckte sich nicht nur auf die benachbarten islamischen Kulturen, auch Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine und viele andere namhafte Dichter westlicher Kulturkreise kannten sie und zählten zu ihren Bewunderern.

Im 18. Jahrhundert traten erneut bedeutende Lyriker hervor, die, wie vor allem Molla Penäh Vagif, neue thematische Akzente setzten. Es ging ihnen nicht mehr nur um Liebeslyrik und, wie häufig bei den berühmten Vorgängern, um ethische und philosophische Fragen, die um die Ergründung der Geheimnisse des Universums kreisten, sondern um eine verstärkte Hinwendung zu sozialen Motiven, die den Weg der Poesie zum Realismus wiesen. Diese Tradition setzte sich im 19. Jahrhundert fort und erreichte einen neuen Höhepunkt mit Aschug Alesker. Er gilt als einer der größten Dichter der auf eine lange Entwicklung zurückblickenden aserbaidschanischen Volkspoe-sie.

Das 19. Jahrhundert war eine Periode großen Umbruchs. Es blieben zwar noch die alten, von Persien und vor allem auch von der Türkei beeinflussten Literaturtraditionen lebendig, Nordaserbaidschan befreite sich allerdings vom sozialen und politischen Einfluß des Irans und der Türkei und wurde nach der Angliederung an Russland im Jahre 1828 wesentlich stärker in die europäische Geistesgeschichte einbezogen. Es begann eine rege Übersetzungstätigkeit russischer und westeuropäischer Literatur und Philosophie. Aufklärerische und revolutionär-demokratische Ideen gewannen an Einfluss und in der Literatur formierte sich ein realistischer Stil, der ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auch bedeutende Prosa und, zum ersten Mal in der aserbaidschanischen Literatur, dramatische Werke hervorbrachte. Diese Strömung setzte sich auch in der im 20. Jahrhundert dominanten sowjet-aserbaidschanischen Literatur fort.

Aus der Vielzahl der Schriftsteller, die an der Entwicklung der realistischen Prosa und Dramatik Anteil hatten, sei hier vor allem Dshalil Mamedkulisade hervorgehoben. In seinen Werken kritisierte er wie seine zahlreichen Vorgänger im 19. Jahrhundert die sozialen Missstände seiner Zeit und trat für die Aufklärung des entrechteten Volkes ein. Wie der bedeutende Wegbereiter des


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Realismus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Mirsa Fatali Achundow, wandte auch er sich in erzieherischer und aufklärerischer Absicht an ein breiteres Publikum, das des Lesens und Schreibens noch unkundig war. Er machte erstmals Menschen der unteren sozialen Schichten zu Hauptfiguren. Herausragend ist seine ErzählungDer Briefkasten", die am Beginn des 20. Jahrhunderts (1903) entstand und großen Einfluss auf die nachkommende Dichtergeneration ausübte. Weit über die Grenzen hinaus berühmt und beliebt war seine satirische ZeitschriftMolla Nasreddin", die er vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu seinem Tod im Jahre 1932 herausgab.

Es ist bezeichnend, dass die sowjet-aserbaidschanische Literatur des 20. Jahrhunderts ihren Anfang mit der Poesie nahm. Nach der Errichtung des bolschewistischen Regimes im Jahre 1920 bildete sich in den zwanziger und dreißiger Jahren eine neue Form sozialpolitischer Lyrik heraus. In ihrem Mittelpunkt stehen der proletarische Held, die Verherrlichung der historischen Ereignisse seit der Oktoberrevolution und der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordung. Dass die wichtigsten Vertreter dieser Strömung, Samed Wurgun, Rassul Rsa, Bachtiyar Wahab-zade, Näbi Chäsri oder auch Fikret Godscha, nicht nur programmatische Lyrik schrieben, zeigen die hier vorgelegten Beispiele.

In der Prosa der dreißiger Jahre entstanden zum ersten Mal in der aserbaidschanischen Literaturgeschichte groß angelegte epische Romanwerke im Dienste der damals herrschenden Ideologie. Erst in den sechziger Jahren kam eine jüngere Schriftstellergeneration zu Wort, die sich von der dogmatischen Linie des Sowjetrealismus befreite. In den Novellen Eltschins, Anars, Jussif Samedoglus, Sabir Ahmedows, Sabir Azeris oder Äkräm Äylislis zeigt sich eine Öffnung zu allgemein menschlichen Themen; der Aufbruch in die Moderne westlicher Prägung ist auch ein Zeichen der gegenwärtigen Literatur, die sich nach den jüngsten politischen Entwicklungen in viele Richtungen bewegt und nach neuen Positionen sucht.