Rafig Tagh

(geb. 1950)

 

Der Verrückte

 

Übersetzung: Wilayet Hadschiyev und

                      Sena Dogan

 

Als wäre es die Wiederholung der Trennung von seiner Frau, trennte sich Taleh auch von Aserbaidschan, und sein einziger Trost war, dass sein Haus den Kindern blieb. Aber wessen Haus blieb denn den "Kindern? Nur das desjenigen, der verstorben war.

Wahrscheinlich desertierte er mit seinem Umzug nach Moskau vor dem Tod. Ihm blutete das Herz bei der Vorstellung, dass er irgendwann endgültig zu gehen hatte. Wäre er von staatlicher Seite festgenommen worden, hätte er geglaubt, dass auch das eine List des Todes sei. Vielleicht war der Staat sogar ein Spion des Todes. Vorläufig licß er ihn jedoch in Ruhe. Und solang er ihn in Ruhe ließ - warum sollte er dann sterben? Solang er sich auf den Beinen hielt, egal wie alt er war, würde cr ewig leben, auch dann noch, wenn sich der Staat längst aufgelöst hatte. Um den Tod zu vergessen, beschäftigte er sich immerzu mit den Alltäglichkeiten des Lebens. Haushaltsgeschäfte waren ihm zu diesem Zweck am liebsten. Sah er eines, so konnte er nicht an ihm vorbeigehen. In diesen seinen Lieblingsgeschäften atmete er den Duft des Lebens ein. Laut Gesetz sollten auch Lebensmittelgeschäfte nach Leben riechen, aber in ihren Fleischabteilungen stank es zumeist nach Leichenhaus. Den Vegetariern gebühren Lobeshymnen! In den Haushaltsgeschäften gab es vielerlei: Töpfe und Teller,Kleiderhaken, Kunstleder, Waschkannen, verschiedenste Dinge, auch solche, deren Funktion er nicht kannte, sogar Messer für das tägliche Leben. Von Schichtseifen bis zu Türschlössern war alles zu finden.

Bei jedem Umzug hinterließ er alles, was er für die Wohnung gekauft hatte, bis zum letzten Nagel und bis zur Zahnbürste der jeweiligen Vermieterin, ungeachtet aller Unstimmigkeiten, die zwischen ihnen geherrscht haben mochten. Diese christlich anmutende Tat erweckte im Herzen jeder Vermieterin ein Gefühl des Zutrauens und Vertrauens, das in der Regel aber bald wieder schwand. Zumeist sagte sie dann: „Bieib doch noch, zieh nicht aus." Als ob sich das Geschirr nicht von der Wohnung trennen konnte und auch ihn zurückhielt. Die jeweilige Vermieterin entschuldigte sich bei ihm manchmal an die hundertmal, bis die kleinen Wunden im Herzen, die sie ihm zugefügt hatte, verheilt waren und beteuerte, doch nicht gewusst zu haben, dass er so ein guter Mensch sei. Taleh entschuldigte sich regelmäßig seinerseits, stellte fest, dass auch er nicht gewusst habe, dass sie, die Vermieterin, so ein guter Mensch sei. Gott sei es gedankt, dass es in dieser Welt Geschirr und vielerlei anderen Hausrat gab, dank derer man sich nicht die Köpfe einschlagen und Blut vergießen musste. Zu wichtigen religiösen Feiertagen ging er der jeweiligen Vermieterin wegen in die Kirche und sie seinetwegen in die Moschee, woraus bald eine Kirchen-Moscheen-Symbiose erwuchs. Dank der Haushaltswaren lebte Taleh eineinhalb Jahre lang in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respektierens von Synagoge und Moschee. Zum internationalen Frauentag schenkte er der Vermieterin eine Thermosflasche, für den Fall, dass die Frau den ganzen Tag arbeiten musste, oder ein Set Gewürzdöschen, wenn sie Gewürze liebte. Für sieh selbst kaufte er immer nur das Billigste und das Notwendigste: Plastikbecher und Aluminiumlöffel... Hielt man ihm vor, dass er sich am Aluminium vergiften konnte, erwiderte er, dass der Körper Aluminium brauche und es von irgendwo bekommen müsse. Wie das Vitamin C in der Zitrone sei Aluminium eben in Aluminiumlöffeln. Er bevorzugte schmucklose Teller. Schmuck war nur ein Trick, um Preise zu erhöhen. Alles, was mit Ästhetik zu tun hatte, war eine Lüge, weil es erstens für alle Speisen nur einen Weg in den Magen gab - ästhetisch oder unästhetisch - und sich zweitens der Körper sowieso immer mit unästhetischen Dingen beschäftigte.

Seine Liebe zu den Haushaltsgeschäften in Moskau ähnelte einer Blume, die einsam im Frost aufblüht. Eines Tages, als ein sportlicher junger Mann zu ihm kam und ihn einlud, zur Wahl zu gehen, erschrak er heftig. Sieh mal, dachte er, der Staat ist dir wieder auf den Fersen und nutzt jede Gelegenheit. - Aber er war doch noch zu jung zum Sterben, er hatte noch nicht einmal ein graues Haar. Und doch: Mitten am helllichten Tag kam der Staat und teilte ihm mit, dass er einen Abgeordneten zu wählen hätte. Warum? War es so schwierig, ohne ihn auszukommen? - Noch dazu schickte der Staat einen jungen Sportler, der aussah wie ein Henker. - Woher der Tod wohl erfahren hatte, dass er hier war? Er vermied doch jene Orte, an denen sich der Knochenmann aufhielt, besuchte weder Kranke, noch Trauerfeiern. Das Wahllokal erinnerte mit seiner grellroten Farbe an die Hölle. Als er einen Wahlbeamten flüsternd fragte, wen er wohin wählen solle, lächelte der - lächeln auch Staatsleute? - und sagte, dass das seine persönliche Sachc sei, was wohl bedeutete: Bitte, wähl selbst und trage dann auch die Konsequenzen. Es gab keinen Weg zurück. Der Weg zurück war von diesen Henkern versperrt, während vor ihm diese grellrote Hölle drohte. Wann ihm schwindlig wurde, wann er ohnmächtig zu Boden stürzte, endlich Ärzte kamen und sich über ihn beugten, wusste er nicht. Ärzte waren Menschen dieser Welt, keineswegs Engel aus dem Jenseits. Die Freude darüber ließ ihn noch vor der Wirkung des Riechsalzes zu sich kommen. Die Menschen dieser Welt stellten als Diagnose Hunger und Glykosemangel im Gehirn fest und gaben ihm Ratschlägc fürs Leben: Geh, iss, ruh dich aus.

Ohne irgendetwas verlangt zu haben, ließen sie ihn nach Hause gehen. Er hatte also das Recht, bis zur nächstcn Wahl weiter zu leben.

Trotz der guten Ratschläge machte er sich am nächsten Morgen wieder auf, um in Haushaltsgeschäfte zu gehen. Wie ein Alkoholiker lungerte er in diesen Geschäften herum, ging urnher, bis die Füße anschwollen, kaufte einige Kleinigkeiten, wie zum Beispiel ein Gitter für den Abfluss, cinen Stab, um Gardinen zu schieben, ein Mehlsieb, Waschpulver und wie gewöhnlich auch Schichtseife. Zu Hause fehlte es ihm nie an Schichtseife. Schichtseife war für ihn lebensnotwendig wie Salz. Einem Verrückten ähnlich durchstreifte er am nächsten Tag dieselben Geschäfte und wiederholte seine Streifzüge Tag für Tag, Woche für Woche, bis er sicher war, dass er lebte. Bis er den Tod vergaß.Als seine Tochter alt genug war, Briefe zu schreiben, erwachten in ihm Vatergefühle, und er weinte bitterlich. Er konnte schreiben, aber er schrieb nicht, seine Tochter hingegen schrieb, kaum dass sie schreiben gelernt hatte. Sie schrieb eine Woche lang. Sie schrieb und schrieb und brachte ihn endlich zurück nach Baku. Das Desertieren vor dem Tod war zu Ende. Jetzt würde er ihn auch nicht mehr unerwartet erwischen, sondern ihn wie alle anderen Menschen in der Zukunft erwarten. Wie es vorherbestimmt war.

Eines Tages aber begegnete Taleh in Baku einem Mullah und es schauderte ihn, weil er dachte, dass neben diesem unsichtbar der Tod stehe. Sofort stürmte er Haushaltsgeschäfte. Zwei, drei, vier Tage lief er in diesen Geschäften umher. Er war zwar mit dem Staat zufrieden, weil der so viele Haushaltsgeschäfte eröffnet hatte, unzufrieden aber damit, dass diese Geschäfte nicht auf Schritt und Tritt zu finden waren. Solange ihm Mullah und Tod nicht aus dem Kopf gingen, war er nicht aus den Haus haltsgeschäften herauszubekommen. So geriet er dort bald in aller Munde. Zuerst dachte man, er sei ein Schwarzhändler und begann ihn zu beobachten. Später begriff man, dass er kein Händler war, und sagte: Dann ist er ein Verrückter. Er hatte in den Haushaltsgeschäften derart viel gekauft, dass seine ehema lige Frau ihn von neuem zu lieben begann. Obwohl sie diese Liebe eingestand, zeigte das kaum Folgen; sie hatte sich versprochen, dass sie nie mehr das Bett mit ihm teilen würde, selbst wenn man sie tötete, an die Wand stellte.Einmal lachte Taleh und sagte, dass seine Frau ihn wohl bis zum Ende lieben werde, weil er ihr bis zum Ende Geschirr kaufen würde. Aber dieses Wort Ende saß wie ein Stachel in seinem Herzen. Es bedeutete: wenn nicht heute, dann morgen. Das Wort bedeutete, dass es irgendwann ein Ende gab. Als wären seine Tage in der Herberge gezählt. Man konnte jederzeit kommen und sagen: Schluss, nimm dein Leichentuch, und raus aus dieser Welt.

Wie ein Alkoholiker begann er wieder in den Haushaltsgeschäften herumzulaufen. Ging er dorthin, konnte er daran glauben, ewig zu leben. Klar. Wenn man etwas für das Haus kaufte, bedeutete das: man lebt noch. Niemand kaufte etwas zum Ster ben. Manchmal irrte er sich und betrat Kleidergeschäfte. Dann schoss er wie ein Pfeil wieder hinaus, weil er dort weißes Lei-nen sah. Von diesem Leichentuch kauften all jene, denen jemand gestorben war. Weißes Leinen konnte er nicht sehen. Er konnte nicht nur weißes Leinen nicht sehen, sondern auch keine weißen Kleider und keine weißen Hosen. Sie alle waren Leichentüchern ähnlich.

Das Wort Ende ging ihm - so wie AJJenschwanz nicht aus dem Kopf. Auch die Haushaltsgeschäfte halfen kaum mehr. Er überlegte, sich vielleicht an einen Arzt zu wenden. In Moskau hatte er erlebt, dass Ärzte Ratschläge fürs Leben gaben. Er konnte jeden Tag oder jeden zweiten Tag abwechselnd sowohl in Haushaltsgeschäfte gehen als auch einen Arzt aufsuchen. Man musste den Tod doch vergessen können...