Samed Wurgun

(1906 - 1956)

Ich eile nicht...

Nachdichtung: Rainer Kirsch

Der Himmel steht in Sternen, meerher Wind.

Mit Gläsern warten wir aufs Morgenlicht.

Nicht sag ich: „Alles auf der Welt vergessen!" -

„Wärmen wir uns ein bisschen", sage ich.

Soll dauern die Nacht, der Morgen sich verspäten -

Am Feuer in den Armen der Gedanken

Lieg ich, und ist nicht weise, was ich sage,

Bleibt doch des Freundes Weisheit, mir zu lauschen.

Solange Durst mich quält zu lieben und

Zu singen, und ich Erdenwärme atme,

Verlängere ich das Leben jeden Augenblick -

Nichts lässt mich eilen.

Und ich eile nicht.

Liebe! Um nicht mein Alter zu verraten

Sag du nicht, ich wär müde oder alt.

Weniger sah ich, als ich sehen wollte.

Steh auf, umwandern wir den kreisenden Erdball!

Und wenn der fliegenden Gedanken Segel

Uns treibt ins Meer und über Ozeane,

Fürchte dich nicht! Nirgends sind bessere Wege

Als die, auf denen man nicht Anker wirft.

Ob mich der Himmelsstern mit Strahlen rührt

Oder ich selbst des Himmels Sterne lösche -

Nicht Freude, noch Trauer seien weggewischt.

Nichts lässt mich eilen.

Und ich eile nicht.

Und du, Jäger, mein Freund, der alles hier

Durchstreift hat mit mir für ein langes Leben.

Komm, lass uns langsam auf die Wiese gehn.

Und jeder Blume sagen: „Sei gegrüßt!"

Und ich will vor den Blumen mich verneigen,

nicht sie zu schneiden oder auszureißen,

Sondern ihr gütiges Gesicht zu sehn

Und ihnen selber mein Gesicht zu zeigen.

Sie öffnen sich freiwillig jede Stunde

Oder auch länger - so viel ich sie bitte.

Wohin denn hasten? Ich bin kein Sturm, der bricht.

Nichts lässt mich eilen.

Und ich eile nicht.

Soll langsamer ziehn die Wolke über uns.

Langsamer fließen der Fluss. Ich teile

Mit meinen Augen diese Welt in Tropfen

Und will jeden erinnern aus mir selbst.

Denk nicht, das ist das Alter - ich will nur,

Dass alles in uns seine Spuren lässt.

Dass wir, die wir die Hundert nicht erleben,

Zehn Jahre Leben hätten jeden Tag.

Und eilen soll sich nicht des Dichters Feder,

Schneller das Buch des Lebens zu vollenden.

Soll dauern der Tag! Dreh, Erde sich im Licht!

Nichts lässt mich eilen.

Und ich eile nicht.