Jussif Sämädoglu
(1935-
1998)
Übersetzung:
Wilayet Hadschiyev
Bei schönem
Wetter, wenn es keinen Regen oder Nebel gibt, kommt der junge Mann in den Wald,
setzt sich auf diesen Stein, zündet sich eine Zigarette an, versinkt tief in
seinen Gedanken und hört dem leisen Stöhnen des Waldes zu. Ihm scheint, als ob
vom Himmel unsichtbare Tropfen auf die Gräser und Blätter fallen, sofort
zerplatzen und dabei klingen. Dieser Klang erinnert ihn an die Musik, die er im
Traum hört. Er hört im Schlaf immer Musik und sieht dabei sehr merkwürdige
Farben. Beim Aufwachen versucht er sich stets an die Musik und die Farben zu
erinnern, aber vergeblich, sie bleiben ihm verschlossen. Und er leidet darunter.
Jedes Mal, wenn das Mädchen mit kleinen,
leisen Schritten unter den Bäumen auftaucht und auf ihn zukommt, steht der Junge
auf, zieht, ohne sie zu begrüßen, stumm sein Sakko aus und legt es ihr über die
Schultern. Das Mädchen kommt mit Absicht dünn bekleidet, um von seinem Sakko
umhüllt zu werden.
An diesem Abend verspätet sich das Mädchen und
kommt erst, als der Mond hoch am Himmel steht und die Schatten der Bäume bereits
kurz sind. Sie bleibt in einigem Abstand stehen. Der Junge steht auf, geht, sein
Sakko aufknöpfend, auf das Mädchen zu. Als er entdeckt, dass sie bereits eine
weiße, wollene Jacke trägt, hält er inne, lässt sein Sakko angezogen, will etwas
sagen, schweigt jedoch, dreht sich um und setzt sich wieder auf den Stein. Und
plötzlich erinnert er sich an einen Traum, ihm ist, als ob unter den Bäumen
schwarzer Nebel aufziehen und das Mädchen entführen könnte. Er selbst würde
nichts dagegen machen können, nur zappelnd dort, wo er sich eben befände, sitzen
bleiben, und mehr nicht. Die Zeit vergeht. Das Mädchen lehnt an einem Baum und
schaut durch die Zweige hindurch auf den Himmel. Der Junge hat den Kopf gesenkt
und raucht seine Zigarette. Es ist still. Irgendwo in der Ferne quaken Frösche.
Mondschein dringt durch die Blätter der uralten Eichen und glitzert unter den
Füßen des Jungen wie dünnes, weißes Gewebe. Die weißen Flügel der kleinen
Nachtfalter, die ununterbrochen von einem Gebüsch zum anderen flattern, funkeln.
Dieses Aufblitzen erscheint dem Jungen wie das von Perlen, die der Mondschein
verschwenderisch in der Luft verstreut. Leichter Wind kommt auf, hoch über dem
Kopf des Jungen rauschen Blätter. Schon ist es wieder vorüber. „Eine
Sternschnuppe", flüstert das Mädchen. Der Junge weiß, dass das Mädchen nur
spricht, um dieses Schweigen, diese gespannte, lähmende Stille zu brechen. Schon
am gestrigen Abend hat sie begonnen, über die Sterne zu sprechen, um, als sie
bemerkt hat, dass der Junge nur schweigend seine Zigarette rauchte, unpassend zu
lachen und bis zum Abschied von ihrem Gast zu erzählen. Vor fünf, sechs Tagen
war der Sohn eines alten Freundes ihres Vaters mit seinen Eltern auf Besuch
gekommen. Er sei, wie das Mädchen erzählte, vor kurzem von einer Weltreise
zurückgekehrt. Jeden Tag versammeln sich die Gastgeber um ihn, um seinen
merkwürdigen Geschichten zuzuhören. Das Mädchen kommt näher und steht dem Jungen
gegenüber. „Warum schweigst du?", fragt sie. Der Junge hebt seinen Kopf. „Ich
weiß nicht... Erzähl mir, was euer Gast berichtet."
„Vieles. Er hat die ganze Welt bereist und
redet über merkwürdige Dinge." Der
Junge hört nicht auf die Worte des Mädchens, sondern nur auf ihre Stimme. Er hat
es immer so gehalten, hört zu, schließt die Augen und sieht wie im Traum das
Antlitz des Mädchens. Sie hat feine schwarze Augenbrauen. Die Farbe ihrer Augen
verändert sich ständig: morgens sehen sie bedrückt aus, abends aber strahlen sie
wie blaue Lichter. Dem Jungen ist, als ob in den Tiefen dieser Augen zahllose
Sterne glitzern. Wenn sie spricht, legt sie den Zeigefinger auf ihre Unterlippe
und lächelt immer wieder. Sie spricht, als würde sie ein Märchen erzählen.
„Hörst du mir wieder nicht zu?", fragt sie. „Ich bin ganz Ohr." Der Junge öffnet
seine Augen: „Nun, was
sagt euer Gast?" „Er spricht von Italien und
sagt, dass die Mädchen dort sehr hübsch sind. Fast so wie Engel. Den ganzen Tag
sitzen sie in Kaffeehäusern und trinken Limonade. Außerdem sagt er, dass es in
Rom merkwürdige Lokale gibt, in denen Frauen nackt tanzen." „Das kann nicht
sein." Der Junge schüttelt den Kopf. „Euer Gast lügt." Das Mädchen antwortet
böse, beinahe schreiend: „Er lügt nicht! Wärst du dabei, so hättest du es mit
eigenen Ohren gehört. Oh, mein Gott, was er erzählt, ist alles märchenhaft." „In
unseren Märchen bin ich weder Lokalen noch nackten Weibern begegnet."„Ich meine
doch keine wirklichen Märchen!" Das Mädchen
atmet ruckartig. Der Junge versucht, sie sich
nackt vorzustellen, nur für einen Augenblick, aber er spürt sofort, dass er bis
hinterdie Ohren errötet. Das Mädchen fragt: „Möchtest du nicht auch nach Italien
reisen?"
„Was habe ich in Italien zu suchen?".
„Einfach nur reisen, sonst nichts!"
„Natürlich möchte ich das. Es wäre gar nicht
schlecht."
Das Mädchen beginnt hin und her zu gehen. Die
Blätter unter ihren Füßen rascheln so laut, dass ein kleiner Vogel auf den
Zweigen eines nahen Baumes flatternd aufschreckt und aufschnellt wie ein Stein,
der in die Finsternis geschleudert wird.
Der Junge sieht ihm nach, wissend, dass
dergleichen oft passiert: ein fremder Atem oder eine fremde Stimme bricht deine
Stille, deine Ruhe, erweckt dich aus einem süßen Traum und vertreibt dich aus
deinem warmen Nest. Und du verschwindest
wie dieses arme Tier im Schoß der Finsternis.
„Warum setzt du dich nicht herüber?" fragt der Junge und zündet sich eine
neue Zigarette an. Im schwachen Licht des
Streichholzes blitzt der Stein kurz auf. Es
ist, ols ob dieser kalte Funke fragen würde, warum der Platz des Mädchens neben
dem Jungen frei ist. „Komm setz dich."
„Der Stein ist kalt", antwortet das Mädchen.
Der Junge erinnert sich daran, dass das Mädchen früher stundenlang, ihren Kopf
an seine Schulter gelehnt, darauf gesessen ist und gemeint hat, dies sei ihrer
beider Stein.
„Wie lange wird euer Gast noch bleiben?"
„Das weiß nur der liebe Gott."
„Warum ist er gekommen?"
Das Mädchen kommt näher und stellt sich dem
Jungen gegenüber. „Seine Mutter sagt, dass er heiraten will, ein Mädchen vom
Land."
„Ist in der Stadt kein Mädchen zu finden?"
„Er sagt, die Mädchen dort seien nicht so
anständig."
„Das ist Blödsinn."
„Das ist kein Blödsinn, er hat völlig Recht."
Das Mädchen wendet sich um und fängt erneut
an, hin und her
zu gehen. Dann lehnt sie sich wieder an den
Baum, durch dessen Zweige sie zuvor auf die Sterne geschaut hat und meint:
„Ich möchte wissen, warum unser Gast dir so
unsympathisch
ist."
„Habe ich gesagt, dass er mir unsympathisch
ist?"
Das Mädchen erwidert nichts. Der Junge wirft
seine Zigarette auf den Boden und tritt sie mit dem Fuß aus. Dann fragt er:
„Hat er schon auf eine ein Auge geworfen?"
„Das weiß nur der liebe Gott" Beide schweigen.
Eine Wolke verschleiert den Mondschein. Es wird dunkel, die funkelnden Stämme
der Eichen sind nicht mehr zu sehen. Wieder kommt leichter Wind auf, aber
diesmal vergeht er nicht gleich wieder, sondern bleibt in den Zweigen der Bäume
hängen. Es kühlt ab. Der Junge will aufstehen und dem Mädchen sein Sakko über
die Schultern legen. Sofort fällt ihm wieder ein, dass sie eine wollene Jacke
anhat.
„Nun, was ist euer Gast von Beruf?" Die Stimme
des Jungen durchbricht die Stille.
„Er ist Akademiker und hat sogar ein Auto."
„Ich habe nach seinem Beruf gefragt."
„Habe ich doch gesagt, Akademiker." Ihre
Stimme verändert sich. Wieder hebt sie ihren Kopf, schaut durch die Zweige
hindurch auf den Himmel und fahrt fort: „Er hat immer eine Brille auf, wenn er
liest. Und er liest dicke Bücher. Er ist ein zivilisierter Mann, rasiert sich
jeden Tag. Einmal ist er sogar zufällig in unser Teehaugekommen. Danach hat er
gesagt, dass die Männer in dieser Gegend unzivilisiert sind. Sie waschen sich
nicht einmal die Hände, sonst wären sie nicht so schwarz vor Dreck.
Außerdem sagt er..." Der Junge fällt ihr ins
Wort: „Du solltest eurem Gast sagen,
dass diese Hände gar nicht schmutzig sind. Das
ist die Farbe der Erde." Er wundert sich selbst über seine Stimme. Nie zuvor hat
er sie so scharf angesprochen. Das Mädchen schweigt, sie scheint sich ein wenig
vor dem Jungen zu fürchten. Der Junge hat wieder den Kopf gesenkt und raucht
seine Zigarette. Immer wieder zieht er tief ein, so, als ob er damit den Durst
in seinem Herzen löschen könnte. Wenn der Rauch so durch seine Kehle brennt,
spürt er in der Lunge eine unangenehme Wärme. 1hm bleibt kurz die Luft weg und
er fängt zu husten an. Er kann kaum erwarten, dass das Mädchen mit eiligen
Schritten auf ihn zukommt, ihre Hand auf seine Stirn legt und besorgt bittet,
„Rauch doch weniger! Du sollst dich schonen." So hat sie es früher gemacht.
Diesmal rührt sie sich nicht. Es ist, als würde sie dieses dumpfe Husten gar
nicht hören. Der Junge fragt ironisch: „Raucht euer Gast auch?"
„Nein."
„Warum nicht?"
„Weil er sich zu schonen weiß."
Beide schweigen. Allmählich wird der Wind
stärker. Das Rauschen der Blätter verwandelt sich in ein monotones Sausen. Dem
Jungen steigt ein lang bekannter, feuchter Duft in die Nase. Es ist der Geruch
des Mooses, das am Waldrand von den großen Felsen am rechten Flussufer ins
Wasser hinabwächst. Die Hälfte dieser Klippen befindet sich unter dem
Wasserspiegel. Der Junge denkt: 'Morgen wird es sicher regnen, weil dieser Wind
die großen kohlschwarzen Wolken von den fernen, schneebedeckten Bergen
herbringen wird. Mindestens zwei Tage lang wird es schütten'und hier im Wald
wird man bis zu den Knien im Matsch versinken. Das Mädchen wird zu Hause sitzen
bleiben und ihrem Gast aus der Stadt zuhören, was er von Italien oder
Griechenland erzählt.' Er selbst wird frühmorgens in die Schule gehen,
unterrichten und todmüde heimkommen, wenn es wieder dunkel wird. Dann ein Glas
vom kalten, in der Früh gekochten Tee und sofort ins Bett. Wie gewöhnlich wird
er dem Trommeln der großen Regentropfen zuhören, die der Wind bösartig an die
matten Scheiben des Fensters schleudert. Wieder wird ihn das klägliche Heulen
des Hundes aufregen, der, alt geworden, seine lange rostige Kette nachziehend um
das Haus läuft. Die Feuchtigkeit des regnerischen Tages, die alles in einen
dicken Nebel einwickelt, wird auch in sein Zimmer dringen, sein Bettzeug
abkühlen und das Brot im Kupfertopf in der Ecke aufweichen. Allein in der Nacht
wird er endlich Ruhe finden. Im Schlaf wird er Musik hören und merkwürdige
Farben sehen. Dann, wenn die Sonne wieder scheint und alles wärmt und die
matschigen Spuren langsam
austrocknen, wenn sich der Wald von dem
süßen Duft der Gräser durchdringen lässt, - werden sie dann noch einmal
zusammenkommen? Der Junge zündet sich noch eine Zigarette an und wirft das
Streichholz weg. Es glimmt eine Zeit lang zwischen den Gräsern wie ein Insekt,
dann geht es aus. Der Junge lächelt unwillkürlich: „Das heißt, dass unsere
Gegend eurem Gast nicht gefällt?" „Warum? Er sagt, es ist eine beruhigende
Gegend. So ähnlich wie eine Insel in Italien."
Das Mädchen schiebt das Kopftuch zurück und
richtet ihre Frisur. Der Mondschein fällt auf die Haare. Es kommt dem Jungen
vor, als würden zahllose Funken vom Himmel auf den Kopf des Mädchens
herunterfallen. Das Mädchen setzt sich das Kopftuch wieder auf, seufzt leise und
meint: „Vater sagt, er habe bis jetzt
noch nie so einen klugen Jungen getroffen.
Mutter gefälit er auch." Der Junge
steht auf, macht aber nur einen Schritt und bleibt sofort stehen.
Irgendetwas versperrt ihm den
Weg zum Mädchen. Er fragt: „Und dir? Gefällt er dir auch?"
„Wer?"
„Dieser Kerl aus der Stadt!"
„Ich weiß nicht." Plötzlich hält das Mädchen
inne, weil in der Nähe ein Hund bellt. Es freut sich darüber, dass in dieser
angespannten Situation ein Hund bellt, spürt der Junge. Er wendet sich um, setzt
sich wieder hin und senkt den Kopf. Sein Herz
beginnt mit einem Mal zu flattern. Einmal erst
schlug es so: als er die Nachricht vom Tod seines Vaters an der Front bekam. Das
bedeutete für ihn einen unersetzlichen Verlust. Er blieb allein zurück. Und
jetzt? Er begreift nichts. Ein unbekanntes Gefühl sagt ihm, dass etwas
Entscheidendes passiert. Ihm ist, als existiere zwischen ihm und dem Mädchen ein
Abstand von zweitausend Jahren. „Warum setzt du dich nicht hierher?" „Ich habe
doch gesagt, der Stein ist kalt." Der Junge fühlt, dass der Stein wirklich kalt
ist und sein ganzer Körper von dieser Kälte zittert. Das Mädchen kommt etwas
näher. „Ich bin sehr müde. Ich muss gehen." „Warum bist du so müde?"
Das Mädchen brummt etwas, aber der Junge hört
es nicht. Oben, über den Bäumen, saust dumpf der Wind. Der Junge denkt: 'Morgen
wird es sicher regnen. Der Regen wird die Erde rund um den Stein aufweichen, die
kleinen Gräser von den Wurzeln reißen und wegspülen, auch die Spuren des
Mädchens. Und die Wanderer, die an diesem regnerisch nebligen Tag durch den Wald
gehen und zufällig hier vorbeikommen, werden vielleicht für eine Weile stehen
bleiben und denken, dass noch nie jemand auf diesem Stein gesessen sei. Denn von
dem Regen wird der Stein sehr kalt sein.'